Wir haben heute große, fette Spoiler im Angebot. Also seid gewarnt.
Es sind ein paar Tage vergangen, seitdem ich STALKER durchgespielt habe. Aber zum Ende hin habe ich die Lust verloren, darüber zu schreiben. So ähnlich wie das Spiel zum Ende scheinbar die Lust verloren hatte, die dichte Atmosphäre aufrecht zu erhalten. Wie ich neulich bereits angedeutet hatte, wandelt es sich plötzlich mehr zum Shooter, als ihm gut tut. Die Ballerei in Pripyat ist das Eine, bekommt aber am KKW noch eine neue Dimension. Von der Größe einer Bodenoffensive. No kidding.
Und no fun. Mit der Armee und deren Kampfhubschraubern im Rücken nähert man sich dem Kraftwerk – das bewacht wird von einem Battalion Söldner aus der Monolith-Fraktion, gut versorgt mit einem Schützenpanzer, Raketenschmeissern und Gauss-Gewehren. Mitten im dicksten Kugelhagel setzt dann auch noch ein Countdown ein, weil ein Blowout vor der Tür steht. Sobald der abgelaufen ist, heisst es “Ende im Gelände”. Es ist unmöglich, unter diesem Druck alle Gegner wegzuräumen. Ordentlich und in Ruhe die fiesen Möppe aus der Deckung auszuheben kann man auch vergessen, denn so klopft dir ganz schnell ein Zug ukrainischer Soldaten mit einem Schwall von 7.62mm-Geschossen von hinten auf die Schulter. Im Prinzip gehts darum, möglichst flott von Deckung zu Deckung zu hetzen und vor dem Blowout den geheimen Lieferanteneingang zu finden. Ohne abgeschossen zu werden. Da heisst es dann ordentlich Fersengeld geben. Wohl dem – und jetzt kommt ein kleiner Vier Fäuste Leserservice – der sein Stehvermögen vorher ausreichend mit Artefakten aufgemotzt oder zumindest genug Energiedrinks im Koffer verstaut hat (wieso haben die Dinger eigentlich keinen Hotkey?). So ausgerüstet flitzt man also relativ gemütlich durch den Kugelhagel und rein in den Eingang. Was den Sinn dieses ganzen Leveldesigns komplett im Nirvana verschwinden lässt. Hatte ich schon über die zerstörte Atmosphäre gesprochen? Zwar ergibt sich die Situation einigermaßen logisch aus der Story (wir erinnern uns: der Brainscorcher ist putt und das nördliche Gebiet damit für alle zugänglich), besser wird das Debakel dadurch allerdings nicht.
Es geht allerdings NOCH billiger.
Das Kraftwerk erzeugt seine Energie nämlich nicht aus Kernspaltung, sondern irgendwie durch Recycling. Die Gänge durch die man jetzt hetzt, sehen GENAU SO aus wie alle anderen top secret underground labs, durch die man vorher schon gekrochen ist. Nur noch schlauchartiger und langweiliger. Langeweile kann man wie kompensieren? Genau, wir drehen den Regler für die Gegnerdichte einfach auf Rechtsanschlag. Wird schon passen. Ächz.
Während man sich also mit der Geschwindigkeit eines Gletschers durch die Gänge trigger-fingert und sich fragt, wohin das noch führen soll, steht man dann plötzlich vor der Wahl. In der Wand des Schlauchgangs tut sich eine Nische auf, mit einer Leiter und einer rotierenden Lampe (!) drin. Da fehlt nur noch ein blinkender Pfeil auf dem Boden und das Spraylogo ääh Schild auf dem steht “1337 3nd1ng +h1s w4y, rofl”. Nun gut, eine Abzweigung bei diesem Einbahnstrassensystem ist schon mehr als verdächtig, also lieber mal abspeichern. Und erst mal checken, wohin es geradeaus geht. Da heisst es überraschenderweise für einen Moment “atmosphere strikes back”, denn plötzlich stellt man fest, im Reaktorbehälter selbst zu stehen. Komplett mit weggesprengtem Deckel und verbogenen Brennstäben.
Gruselig.
Ein paar Schritte weiter holt einen die Fiktion allerdings schnell wieder ein, denn da steht der Wishgranter. Das zentrale Objekt der Begierde so ziemlich einer jeden Person in der Zone. Nach einer kurzen Jump-, Run- und Klettereinlage steht man auch schon eine Armeslänge von dem Ding entfernt. Alles, was einen nach stundenlangen Abenteuern in der verseuchten Zone jetzt noch von der Endsequenz trennt, ist ein Druck auf die “Benutzen”-Taste. Jetzt muss man allerdings wissen, das “STALKER” mit verschiedenen Endsequenzen aufwartet – abhängig von der Spielweise. Naja. Ich kann mich nicht erinnern, das bewusst getan zu haben, aber ich habe während des Spiels anscheinend eine signifikante Menge Zahlungsmittel in meinem Rucksack angehäuft und bin so für ein bestimmtes Ende festgelegt. Vorhang auf für meine Endsequenz, in der mein Typ dem Wishgranter ein vorfreudig-fiebriges “I want to be rich” entgegenschnoddert. Dann wird mein Stalker von einer Stahllawine zermatscht, die er wohl dank eines schon ziemlich gemikrowellten Gehirns für den sprichtwörtlichen Geldregen hält.
Aber seht selbst. Mag sein, dass ich die moralphilosophische Tragweite nicht vollständig erfasst habe, aber ich kam mir doch ganz schön verarscht vor. Das ist höchstwarscheinlich auch der Sinn der Sache, allerdings trotzdem fies unbefriedigend. Also flott den Spielstand wieder geladen und die Leiter hochgeklettert. Prompt steht man vor einer Tür, die ausschließlich durch ein Item aus einer der Storyquests geöffnet werden kann. Das Ding bzw. die Quest kann man genauso gut übersehen und die Foren sind voll von Leuten, denen genau das passiert ist. Selbstverfreilich liegt dieses Item nur in Pripyat rum und sobald der Spieler die Stadt Richtung Reaktor verlassen hat, gibts kein Zurück mehr und das “richtige” Ende ist nicht mehr zu erreichen. Nun gut, ich als alter Mr. Turnseverystonetwice kann also die Panzertür öffnen und mich noch durch ein paar Gegnerbattalione schlachten. Shoot. Kill. Reload. Repeat. Und das ganze Theater dann nur, um wieder vor der Wahl zu stehen. “Hallo, unser streng geheimes Wir-sind-die-Borg-Projekt braucht noch Mitarbeiter. Willste bei unserer Bande mitmachen?”. Bei Akzeptanz gibts eine weitere Endsequenz – bei Ablehnung wird fröhlich weiter geschossen. Und was jetzt kommt, ist schlicht erbärmlich.
Da darf der Spieler plötzlich in diesem wunderschönen, großen Reaktoraussenlevel herumturnen – also genau dass, was ich zu Beginn des Levels noch vermisst hatte – die dolle Bewegungsfreiheit wird aber nur simuliert. Die ganze Gameplay-Rafinesse beschränkt sich wieder auf Schlauchdesign, aber dieses Mal mit weniger Betonwand und mehr Weitsicht. Es ist so traurig wie sarkastisch: man serviert einen riesigen Level, in dem der Spieler nur von Teleporter-Portal zu Teleporter-Portal hetzen kann, die einen dann quer durch den Level bis zum nächsten Teleporter … ääh teleportieren. Mit schön regelmässig getriggertem Gegnertruppenspawn. Ich wiederhole: am Stück durch den Level latschen ist nicht. Teleporter schubsen einen stattdessen durch ein dreistes Flickwerk. Wenn das mal kein ganz, ganz übler Fall von Heute-müssen-wir-fertig-werden-eritis ist. Am Ende dessen wartet dann übrigens auch die echt jetzt total letzte definitive Endsequenz. Die den Betrachter auch nicht relevant schlauer zurücklässt, aber dass ist dann auch nur noch egal.
Verdammte Hacke, war ich sauer. Wir haben es hier nicht von irgendeinem zweitklassigen Kackshooter zu tun. Wir reden hier von einem Stück Software, das mit ein wenig mehr Konsequenz und Kohärenz Titeln wie “Deus Ex” locker das Wasser hätte reichen können. Ja, “Stalker” bietet großartige Momente und zuweilen beste Unterhaltung, dummerweise ständig gepaart mit einem großen “aber”. So bleibt bei mir unterm Strich eher eine Ahnung von dem, was hätte sein können, zurück und vermiest mir die positiven Punkte.
“Hätte”. “Könnte”. “Sollte”. So ein Mist. Wisst ihr, was noch schlimmer ist? Ich werd’s bestimmt trotzdem nochmal spielen. Um der guten Zeiten Willen.

Ich würde dir empfehlen dir den Film anzusehen. Danach findest du das Spiel bestimmt großartig , weil du bei ihm nicht einschläfst
Hö? Von “einschlafen” war nie die Rede. Ich find das Spiel schon geil. Im Prinzip. Es ist halt nur nicht richtig fertig geworden. Also nicht auf eine “total verbuggt”-Art, sondern eher auf eine fundamentale, Gameplay/Story-mässige, quasi nicht patchbare (weils dann im Prinzip “Stalker 1.5″ wäre) Art.
Und den Film kenne ich zwar nicht, aber wenn ich das richtig einschätze, spielt der eh in einer ganz anderen Liga. Aber selbst wenn nicht: über den verkackten Schlusslevel kann mir nicht mal ein tiefsinniger kaukasischer Autorenfilm hinweghelfen.
Naja, muss wohl ein Mißverständnis sein.
Und wenn überhaupt, dann ja wohl eher Buch als Film, gell?
Ja ein Mißverständnis
Ich bin im Film eingeschlafen, was einem in einem Spiel eher nicht passiert. Hoffe ich.
An das Buch habe ich mich nicht mehr gewagt, nachdem ich den Film gesehen habe, obwohl das Setting ansich eigentlich sehr spannend ist…
Also nochmal in anderen Worten: Das Spiel sollte einem besser gefallen, wenn man sieht was für ein Film aus dieser Geschichte gemacht wurde. Es ist alles relativ
Das ist ja witzig: Mir ging es exakt genauso!
Nur mit dem Unterschied, dass ich erst zu den Deppen ohne den Zugang zum richtigen Ende gehörte. Und nachdem ich dann nochmal meinen letzten Spielstand vor dem Reaktor dazu genutzt hatte, dies zu korrigieren, habe ich mir alle noch möglichen drei Enden angeschaut (es gibt ja 4 Enden beim Wish-Hansel, aber das kann man ja nachträglich nur durch komplettes Neuspielen verändern).
Ich war zwar nicht so sehr von den Enden enttäuscht wie Du, hatte nach dem ganzen Generve mit den Enden aber keine Lust mehr, einen Artikel zum Spiel zu schreiben. Im übrigen habe ich mir mit dem Durchspielen auch so viel Zeit gelassen, dass ich eh nichts mehr hätte schreiben können, was nicht schon irgendjemand anderes geschrieben hat.
Fazit: Gutes Spiel, das aber um so vieles besser hätte werden können.
danke für den bericht – habe gestern nacht stalker beendet und bin schwer entäuscht wie dieses großartige gebäude kurzerhand zum zusammenfallenden kartenhaus mutiert.
ebenso wie der vorredner bin ich dem “unechten” ende :
ergebnis / “ich bin blind aber die zone iss wech” aufgesessen.
alleine der terminus “unechtes ende” – wie kann das denn sein ?
ich habe es mir zweimal angetan und konnte es kopfschüttelnderweise nicht begreifen, wie man so ein überragendes spiel mit dem letzten level so zerstören kann.
ich dachte das wäre ein witz – bin einen tag vorher noch anhand einer dunpfen vorahnung die zone abgelaufen – ob ich nicht doch was allzu ofensichtliches übersehen habe.
ich gehöre halt nicht zu denen die jeden stein zweimal umdrehen
“dont think twice its allright” wie schon bob dylan intonierte,
nun schmeiß ich es erst mal von der festplatte, mal sehen, vielleicht eines tages werde ich mich mal wieder in doie zone begeben
aber nur bis Pripyat
dann ist schluß !
Freut mich, dass ich mit meinen Ansichten nicht alleine bin.
Ich werde nochmal in Stalker reinschauen, wenn der Patch 1.1 mit Freeplay-Modus verfügbar ist. Keine Ahnung, wann dass der Fall sein soll…