Netter Mindfuck, Bioshock.
Nett, aber inkonsequent. Das Spiel fährt anschließend mit genau den narrativen Mechanismen fort, auf die es in dieser großen Zwischensequenz in bester Nelson Muntz – Manier so hämisch lachend mit dem Finger zeigt. Für meinen Geschmack hätte der Tod des Spiel-Charakters nach genau dieser Stelle (Selbstmord – die “Veteranen” werden sich denken können, warum) die ganze Nummer für alle Computerspiele-Ewigkeit in ein Ehrenmal aus Granit gemeisselt. Auch, wenn das bei dem ein oder anderen Spieler extreme Frustration erzeugen würde. Dem Drang nachzugeben, durch Fortführen des Spiels die Backstory weiter offenzulegen und in Richtung eines Happy Ends (nehme ich an, ich bin noch nicht durch) zu arbeiten, verwässert die Erfahrung im Nachhinein ziemlich. Aber man will ja nicht nur meckern, obwohl ich das gerne mache. Schließlich war diese Zwischensequenz ansonsten the singlemost jawdropping brainblowing experience in fps-history. Naja, seit Deus Ex.
Kann leider nicht konkreter werden. Wenn ich das zu diesem Zeitpunkt spoilere, verdiene ich Schlimmeres als ein paar Shoryukens in die Weichteile.

Fangen wir dann auch die Moraldebatte hier an?
Ich muss zugeben, auch noch einige Zeit nachdem ich das Spiel durch hatte, hab ich mit vielen die Meinung geteilt, dass es den Ego-Shooter nicht neu erfindet, aber seine Sache sehr sehr gut macht.
Jetzt bin ich grad beim Zweiten Durchlauf und ich spiele “den Bösen”. Ich bin noch nicht durch, aber ich muss sagen, dass sich meine Meinung sehr geändert hat… denn “It came down on me like a ton of bricks”.
Das klingt vielleicht jetzt wie Fan-gehabe, aber ist es nicht (vielleicht ein bissel), denn ich habe auch eine echte Erklärung dafür, die ich auch mal aufschreibe, wenn ich Zeit habe etwas mehr Text zu verfassen. Ich halte BioShock für eines der wichtgsten Stücke Kunst die es je gegeben hat…*Cliffhanger*
Lustig. Ich bin bisher auch “gut”. Und auch für mich steht jetzt schon fest, dass ich nochmal als “chaotic evil” spiele. Auch sonst stimme ich (bisher?) zu, dass Bioshock ein sehr, sehr (sehr!) guter Shooter ist, aber nicht die “perfect ten” die metacritic andeutet. Aber alleine die oben angedeutete Zwischensequenz zu erfahren (von bloßem “sehen” kann ja keine Rede sein) war jeden Euro wert. Von daher bin ich auf deine Ausführungen ehrlich gespannt!
Was die “Moral” angeht. Ja, die flüchtenden, heulenden kleinen Kinder sind beim ersten Mal ein herzerreissender Anblick. Ja, es fühlt sich gut an, wenn das Mädel nach erfolgreichem Exorzismus mit einem süßen “thank you” wegrennt. Mag sein, dass meine ursprüngliche Entscheidung tatsächlich impulsiv getroffen wurde und von der allerersten Begegnung mit einer Little Sister beinflusst worden ist: nämlich das ich alle Mädchen rette. Wenn schon, dann auch konsequent. Das ist dann eine Frage der Präsentation und des Timings. Aber wie lange hält das denn an? Diese Moralentscheidungen, die man manchen Titeln nachsagt, finde ich genauso aufgesetzt, wie die ach so große spielerische Freiheit, die man manchen Titeln nachsagt. Upps, beides trifft auf “Bioshock” zu.
Letzten Endes entscheidet nicht mein Gewissen, sondern die Parameter der Spielewelt, in der ich mich bewege über solche “moralischen” Entscheidungen. Siehe auch ars technica.
Für meien Begriffe kann man nicht dem Beckstein ein “ich kann virtuell und real auseinander halten” entgegen werfen und gleichzeitig zu betroffen sein, in Civilization den Gegner in Grund und Boden zu nuken.
@grobi:
Deine Einstellung, dass nicht dein Gewissen entscheidet, kann ich voll und ganz nachvollziehen. Es ist nur ein Spiel, genauso wie ein Film immer nur ein Film ist. Es fällt einem nicht schwer sich davon zu distanzieren. Man kann sich aber drauf einlassen und seine Moral in das Spiel mitnehmen. Okay, der Hauptcharacter bin nicht ich, aber ich bin quasi sein Darsteller, ich kann sein wie ich will, das ist ja wohl einer der Gründe warum wir spielen.
Wenn ich ein Rollenspiel spiele, dann kommt es auch nicht selten vor, dass ich bei der Charactererschaffung einen Großteil von mir nachbaue, immerhin bin ich gern der Held. Ich kann also genausogut dem BioShock Helden meine Moral mitgeben; nicht weil ich es muss, sondern weil ich die Simulation mit meinen Werten füttern will.
Anders als du finde ich die Moralfrage nicht aufgesetzt (In welchen Spielen gibt’s denn noch Moralfragen? Mir fallen gerade nicht so viele ein.. Metal Gear? Bladerunner? GTA =) ) sie wirkt im Rahmen der Geschichte plausibel.
Interessant wurde die Sache für mich eigentlich erst, als ich wieder Kritik gelesen habe, die anprangert, dass man sich überhaupt dafür entscheiden kann die Mutantenmädels umzubringen. Aber das führt ja zur Frage: Wer sollte es denn sonst entscheiden?
Wir sind anscheinend sowas nicht gewohnt, dass Kunst uns die Entscheidung überlässt. Weder Bücher, Comics oder Film bringen uns in so eine Situation. Wir bewerten immer nur; man sieht eine fiktive Figur Entscheidungen treffen und dann macht man den Daumen hoch oder runter. Wir kritisieren quasi nur; und das ist meiner Meinung nach eine völlig andere Situation.
Bei BioShock komm ich aber nicht drum rum die Entscheidung selbst zu treffen; vielleicht gerade auch interessant, weil man die Spielmechanik ja nie ganz ausblenden kann. Wenn ich gut sein will, dann hab ich vielleicht später Probleme, weil das Spiel zu schwer für mich wird. Bleibe ich also trotzdem gut?
Für mich bietet sich hier vor allem die Chance ein Stück von mir selbst zu erforschen. Klar, ein guter Film oder ein Buch kann das auch, aber nicht auf diese Weise. Ich kann mich auch von Filmen und Büchern distanzieren und alles von der Metaebene aus betrachten, aber dann verpasse ich die Gelegenheit etwas daraus zu lernen.
Natürlich behaupte ich nicht, dass das jedes Spiel kann, oder können will, oder muss. Letzten Endes ist auch jedes Spiel, Buch, jeder Film zum Großteil nur ein Spiegel. Genau wie Luke auf Dagobah an dem Ort, der von der dunklen Seite beherrscht wird, find ich nur das was ich mit mir nehme und mich selbst. =)
Zu Beckstein: Darüber diskutiere ich nicht; seine Beweggründe sind andere und seine Meinung ist eine Politische und darum nicht durch Erkenntnis oder Argumente änderbar. Darüber hinaus werde ich mein Verhalten nach Außen nicht ändern, damit klein Beckstein die komplexe Welt besser in Schwarz und Weiß einteilen kann.
Letzten Endes entscheidet nicht mein Gewissen, sondern die Parameter der Spielewelt, in der ich mich bewege über solche “moralischen” Entscheidungen.
Was, und das ist das Clevere an Bioshock, bei dieser konkreten Entscheidung Quatsch ist. Mit Kosten-Nutzen-Prinzip kommst du hier nicht weiter, denn die spielerischen Auswirkungen sind absolut marginal. Die Moral ist der einzige wirkliche Unterschied zwischen beiden Varianten.
Chris: das stimmt. Die Unterschiede in der Versorgung mit Ressourcen sind dann eher zeitlicher Natur. Bin ich “böse”, profitiere ich kurzfristig. Bin ich “gut”, eher langfristig. Unterm Strich gibt es aber kaum einen Unterschied.
Okay, dann habe ich mich also – ganz in der Schauspieler-im-Charakter-Idee von Ivor da oben – tatsächlich “moralisch” entschieden, das Mädchen zu retten. Aber wo ist dann der Punkt? Was sagt “Bioshock” in der Hinsicht aus? Das ich vermutlich kein egoistisches Arschloch bin, dämmerte mir schon vorher. Ich habe da nichts Neues erfahren. Ob ich in einer tatsächlich lebensfeindlichen Situation nicht doch skrupellos reagieren würde, weiß ich dadurch immer noch nicht. Aber … das soll mir ein Spiel bitte auch nicht simulieren. Im Endeffekt mache ich das immer noch zur Unterhaltung.
Also: what’s the point? Tatsächlich nur, dass ich mich mehr oder weniger bewusst entschieden habe, gutes zu tun, obwohl mir die böse Alternative real zur Verfügung stand? Dann muss ich fragen: ist das alles? Der wirkliche Nährwert von “Bioshock” verbirgt sich doch woanders, wie du so schön bei d-frag aufgedröselt hast. Darauf werde ich in meinem Post, der in 5 Minuten kommt, auch verlinken.
Aber was die Moral angeht, bleibe ich dann bei meiner Meinung, das es aufgesetzt ist. Entscheidungen von wirklicher moralischer Motivation – oder wie ich das nennen kann – werde ich doch niemals in einem Computerspiel treffen. Dann bin ich ganz schnell wieder bei meinem Beckstein-Argument.
Hmm, entscheidend war doch das erste mal. Wenn man zum ersten mal spielt und die Entscheidung trifft weiß man noch nicht wie die Belohnung ausfällt. Man bekommt auf jeden Fall sugeriert, dass es schwerer wird, wenn man sie verschont. Ich stelle also a posteriori fest, dass meine Entscheidung vom materiellen Standpunkt aus nicht viel gebracht hat.
Ja, was Igor schrieb, hätte ich auch gesagt. Das Spiel erklärt dir beim ersten Mal ja ziemlich eindeutig, dass du einen spielerischen Vorteil dadurch hättest, das du die Kleine tötest. Dass das nicht stimmt, kannst du nicht wissen.
Ich behaupte einfach mal, dass wir auch in Spielen, die deutlich mehr Freiheit bieten, beim Spielen Entscheidungen meist nach Kosten-Nutzen-Rechnungen treffen. Du wählst den Weg, der mehr Erfolg verspricht. Wenn du die Kleine nicht tötest, wählst du aber bewußt den Weg, der härter zu sein scheint. Warum? Unterm Strich bleibt es doch ein Spiel, es ist nicht real. Das Computerprogramm interessiert es nicht, welchen Weg du gehst, du tust dem Computer damit nicht weh. Und trotzdem hast du sie nicht getötet.
(Die Entscheidung tut übrigens, nach meinen bisherigen Erfahrungen, denen weit mehr weh, die sie eben aus Kosten-Nutzen-Gründen tatsächlich töten. Ist ja nur ein Spiel, passiert ja keinem was. Für die ist das Ende echt hart…)
Ob dir das was über dich sagt, was du nicht vorher schon wußtest, ist ne andere Frage, aber ich denke, Bioshock ist damit so nah an eine moralische Entscheidung herangekommen, wie ein Spiel an sowas rankommen kann. Und das ist schon ein Wert für sich. Deiner Argumentation muss ich natürlich zustimmen, wenn dir das generell nicht nah genug ist – näher wirds erstmal nicht werden.
Was mir gerade noch einfiel: Es spielt natürlich ne enorm große Rolle, was du selber mitbringst. Sieht man gerade am zentralen Storytwist. Mit dem kann ich aus ähnlichen Gründen wenig anfangen, wie du mit der moralischen Entscheidung bei den Sisters: Er sagte mir nicht wirklich was neues. Jedenfalls nicht auf der Videospiel-und-Spieler-Ebene, auf die der Twist abzielt.
Aber ist doch mit vielen Kunstwerken so. Unterschiedliche Leute finden unterschiedliche Sachen gut. Schön, dass für jeden von uns was dabei war.
P.S. Danke für den Link.