GTA IV stinkt!

Dienstag 20 Mai 2008

Ich habe zwar erst wenige Stunden auf dem Spielekonto, allerdings meine ich das schon so, wie’s da oben geschrieben steht. Fangen wir mal beim Augenscheinlichsten – der Grafik – an. Mit dem Wechsel auf eine modernere Engine führt Rockstar einen wesentlich mehr an der Realität orientierten Stil in die Serie ein und spiegelt damit auch die “erwachsene”, etwas grimmigere Atmosphäre wieder. Wurde ja schon in “San Andreas” so ein bißchen angedeutet. Schade eigentlich, denn bei der alten Comicgrafik konnte der Spieler wesentlich unbeschwerter der übertriebenen Gewalt fröhnen. Mit Vollstoff ‘nen Passanten zu überfahren, der dann mit einem spitzen Schrei von total unwarscheinlichen physikalischen Kräften raketenartig Richtung Himmel geschleudert wird … Mann, das hat in “Vice City” noch richtig Spass gemacht! In Liberty City 2.0 bekomme ich ein schlechtes Gefühl, wenn mal wieder ein Unbeteiligter über meinen Kühlergrill rutscht und sein Kopf schwer in die Windschutzscheibe schlägt. Durch den Schwenk auf eine realitätsnahe Darstellung – auch was Charaktere und Story betrifft – werden mehrere dutzend Meter ironische Distanz zum Geschehen einfach weggefegt. Natürlich ist GTA IV immer noch voller Witz, Sarkasmus und Satire – aber das ganze Paket ist eine Ebene in den Hintergrund gerutscht. Teilweise so sehr in den Hintergrund, dass man im Safehouse fernsehen muss, um einen Teil davon mitzukriegen. So toll zum Beispiel die “MTV Richest Bitches alive” – Verarschung gelungen ist – mal im Ernst, Rockstar… in einer Stadt voller Möglichkeiten bietet ihr mir an, passiv in die Glotze zu starren. Wie bescheuert ist das denn?

Dann der Level, die Map. Die Stadt. Hut ab, Rockstar, dass ihr mit so unglaublich viel Liebe zum Detail gearbeitet habt, um diesen Moloch New York City nachzubauen. Allerdings ist das alles zu viel, zu laut, zu bunt, zu voll. Man benötigt tatsächlich ein Navigationssystem zur Orientierung. Und dann läuft meiner Meinung nach beim Leveldesign irgendwas schief. Die Vorgänger boten ikonische Straßenzüge und Landmarken auf sehr kompakten und kohärenten Karten (in der Ausnahme “San Andreas”, mit zuviel Nichts zwischen den Städten). Den Zugang in diese Umgebungen musste sich der Spieler im wahrsten Sinne des Wortes erst erfahren und erlaufen. Das Erkunden der Strassen bis man die Fluchtrouten auswendig konnte, war für mich ein Teil des Spasses. Das Navi in “GTA IV” beraubt mich darum. Mir ist auch klar, dass New York City eben genau diese Betonwüste ist, die im Spiel abgebildet wird. Trotzdem bezweifle ich, dass eine mit überbordenden Details vollgestopfte Metropole tatsächlich eine gute Spielwiese ausmacht. Rockstar beherrscht den Detaillierungsgrad bis an die Grenze zum Wahnsinn, keine Frage. Chapeau, Applaus und so weiter. Beim nächsten GTA-Titel solltet ihr jedoch einen Schritt zurücktreten und die ganze Choose wieder ein Stück Richtung Arcadia führen, auch der Langlebigkeit des Titels wegen. Realitätssim hin oder her, ich will jetzt sofort ein Taxi hijacken und damit Chauffeur spielen und nicht erst das Vertrauen von Roman durch Missionen erarbeiten müssen, damit ich dann als Fahrer für ihn schuften darf. Ich möchte immer und jederzeit Taxi fahren können, wenn ich Bock dazu habe. Ich will nicht einen Typen anrufen müssen um dann festzustellen, dass er gerade leider keine Fuhre für mich hat. Dann steh’ ich da und muss mir ‘ne andere Beschäftigung suchen. Spontan in einen Krankenwagen zu klettern funktioniert ja leider auch nicht mehr. Arbeitslosigkeit ist auch in Videospielen scheisse.

Und zum Schluss: Grand Theft Die Sims. Ich fahre mit meiner Sanchez an der Küste lang, höre “The Edge” auf “Fusion FM”, schaue dem Sonnenuntergang zu, wie er über dem Meer glitzert – kurz: ich geniesse das GTA-Gefühl. Plötzlich klingelt das Telefon, irgendeiner von meinen Nervkumpels ist dran, er möchte Bowlen/Darten/Saufen/Essen/Stripper sehen. Damit sein Zuneigungswert bei akzeptablen Werten bleibt und ich noch für Roman Taxi fahren darf (siehe oben), oder so, muss ich dann zusagen und eine Aktivität durchführen, auf die ich gerade keine Lust habe. Der Vollrausch-Effekt nach dem sozialen Barbesuch ist auch nur die ersten zwei Mal witzig und er verbraucht sowieso zuviel meiner (realen) Freizeit. Also hetzt man schnell zum Freund, dann weiter zum Burger Shot und wieder zurück. Das ist eine nervige Pflichttätigkeit, man könnte es Arbeit nennen. Und eins ist mal klar: ich bin nicht hier zum Arbeiten, sondern zum Spass. Danke, Rockstar. Wenn ich dann in “GTA V” Partys geben, heiraten, Kinder kriegen und mein Safehouse inneneinrichten darf, kaufe ich das Spiel sofort nicht. Sollte Will Wright seine Hilfe anbieten wollen – schickt ihn nach Hause!

So. Nachdem ich meinen Frust herausbloggen durfte und ihr auch bis hier durchgehalten habt – vergesst die Überschrift. Früher war alles besser, das ist ja sowieso klar. “GTA IV” hat merkwürdige Macken. Aber auch ein paar tolle Ideen, über die ihr an anderen Stellen ausreichen lesen könnt. Am Ende des Tages ist Rockstars neuester Sandkasten nicht nur ein Plädoyer für den Sicherheitsgurt und gegen das “drink and drive”, sondern vor allem wieder eins: großartiger, kurzweiliger, gewaltiger Spass für Erwachsene. Mit den bekannten alten und auch ein paar neuen Ecken und Kanten.

Wie es darüber hinaus plötzlich dazu kommt, dass ein PC- und Nintendo-Spieler einen Next-Gen-Killerauflösungs-Titel zocken kann, könnt ihr bei Polyneux erfahren.


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11 Kommentare for 'GTA IV stinkt!'

  1.  
    Dr Prada
    22. Mai 2008 | 18:05
     

    Freut mich, dass jemand über diese Verabredungen mit Freunden in GTA IV genauso denkt. Am Anfang war da bei mir noch dieses “Aha”-Erlebnis und ich hab das ganze für einen netten Einfall gehalten. Allerdings hab ich jetzt ca. 25% des Spiels durch und die wenigsten Freunde gehen auf der Strecke verloren, sondern es kommen immer wieder welche hinzu. Das führt dazu, dass das Telefon nahezu unentwegt klingelt. Ich cruise an der Statue of Hapiness vorbei, genieße den Sonnenuntergang und mein Cousin Roman ruft wie immer in diesen Situationen an “Hey, Lust auf den Strip-Club?”. Nein, diesmal nicht… Die Frage ist aber, wie sehr wirken sich Ablehnungen aus? Das müsste man mal herausfinden. Mit einem der Kontakte treffe ich mich so gut wie nie (keine Zeit), der ist mir aber trotzdem noch gut gesinnt.

    Grobi, wie hast du geschafft, mit deiner Perle zu cruisen? Bei mir protestiert sie nach 30 Sekunden, sie möchte doch jetzt dringend nach Hause. Auch nicht gerade sehr schön. Zumal die Verabredungen mit ihr immer aufs selbe hinaus laufen. Saufen, Fressen, Bowling spielen. Jetzt müsste ich fast sagen “Die Beziehung mit ihr ist mir zu eintönig geworden” ;)

    Bzgl. Realismus können wir diskutieren. Dass man Passanten einfach so über den Haufen fahren kann und dann am Truck, den ich mir eben noch geklaut habe, ein breiter Blutflatscher auf der Motorhaube zu sehen ist, finde ich ebenfalls grenz wertig. Zumindest sollte die Polizei die Fahndung aufnehmen (was sie stattdessen tut, wenn man versehentlich einen Polizeiwagen leicht touchiert). Andererseits finde ich diesen Realismus geradezu reizvoll. Ich nehme Rockstar diese Welt einfach ab. Ich surfe im Internet, fahre meine Karre in die Waschanlage, fahre durch beleuchtete Unterführungen oder was auch immer, gehe im Park spazieren… das alles wirkt so unglaublich realistisch und “echt”, dass sich in dieser Welt quasi mein zweites Ich befindet ;)

    Ja, und dann ist da noch diese gewaltige, unübersichtliche Stadt. Auch das finde ich persönlich eher reizvoll, weil es wirklich viele Ecken zu entdecken gibt. Über das Navi kann man sicher diskutieren, ich finde es sehr gut, denn bei den alten Teilen hat mich extrem genervt, dass ich nie wusste wo ich bin. (Gut, dass man als Mann heute nicht mehr jagen muss).

    Vielleicht sind das einige der Kriterien, die erklären, warum ich die alten GTA-Teile nie mochte, das aber schon. Aber ich denke, zu den alten werde ich auch nochmal einen Blick riskieren und mir dann mal eine neue Meinung zum Verlauf der Serie bilden.

    GTA IV macht mir derzeit jedenfalls einen Heidenspaß – sieht man von den Verabredungen ab. Selten so viel Handlungsfreiheit, so viel Details und so unterschiedliche Missionen gesehen. Und: Niko kann auch schön in Deckung gehen und aus ihr heraus schießen und ist auch sonst ne coole Sau ;)

  2.  
    Dr Prada
    22. Mai 2008 | 18:08
     

    Was mir noch einfällt: “Spontanmissionen” bekommst du ab einem gewissen Fortschritt des Spiels, wenn du Polizeiwagen klaust.

  3.  
    23. Mai 2008 | 16:11
     

    Habe gerade das längst fällige WP-Update vorgenommen, im Zuge dessen ist leider der erste Kommentar zu diesem Artikel auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Sorry an den Poster.

  4.  
    23. Mai 2008 | 17:05
     

    Das war Aulbath, der mir geraten hat, GTA wegzuschmeissen und Bullet Witch zu holen ;-)

  5.  
    23. Mai 2008 | 18:26
     

    Tja, tut mir leid Aulbath. Nichts desto trotz ein weiser Rat.

  6.  
    23. Mai 2008 | 21:56
     

    I call censorship!

    Wenn ich jetzt schreibe das du GTAIV wegschmeissen sollst und stattdessen OPERATION DARKNESS holen solltest (leider nicht codefree in der US (aber in der JAP)), laßt ihr den Beitrag dann stehen? :)

  7.  
    Ivor Bigbotty
    27. Mai 2008 | 10:50
     

    Wenn die Anrufe nerven, kann man doch das Handy einfach in den Sleep-Mode schicken, soweit ich weiß rufen dann auch keine Freunde an.

    Zum Navi Thema kann ich nur sagen: Es zeigt den kürzesten _legalen_ Weg zum Ziel. Wer schneller sein will kommt nicht umhin die Stadt mit ihren Seitenstraßen und Irrwegen wirklich zu kennen, was vor allem bei den zufälligen Polizeimissionen unumgänglich ist, denn ich finde das Zeitlimit oft ziemlich hart.

    Warum schreibst du nichts über die Story und die Charactere? GTA schafft es diesmal, dass ich sogar interessiert den Unterhaltungen zuhöre. Ich erkenne die Leute wieder und einige davon mag ich tatsächlich mehr als andere. Was mir auch sehr gut gefällt ist dem Verfall der einzelnen Auftraggeber zu folgen, während ich für sie arbeite (“Nur noch den beseitigen, dann ist alles wieder okay!!!”).
    Dieses GTA schafft es auf jeden Fall besser, den Sumpf des Verbrechens zu zeichnen als die früheren. Die Spielwelt ist zwar voller Satire und Ironie, aber nicht so abgehoben; man kann immer so eine Befürchtung entwickeln, dass unsere reale Welt bereits morgen genau so sein kann.
    Jetzt noch zum TV gucken: Unbedingt “Republican Space Rangers” schauen =D

  8.  
    phossi
    27. Mai 2008 | 13:42
     

    danke Ivor

  9.  
    27. Mai 2008 | 15:04
     

    @Ivor: Das mit dem kürzesten legalen Weg habe ich jetzt, wo ich Einbahnstrassen-Manhattan erreicht habe, auch gemerkt.

    Du erwähnst Story und Figuren: über die guten Punkte schreibe ich bewusst nichts. Hast du alles gelesen? Das hier sollte einfach nur ein Rant werden ;-) Mir geht es ein bißchen auf den Sack, dass bei GTA sehr, sehr häufig nur kritiklos gelobt wird. Spiele dieser Reihe hatten schon immer mehr oder weniger schwerwiegende Macken und auch Schwächen in der Spielmechanik. Ich wollte zumindest mal über ein paar Kleinigkeiten herziehen.

    Und nein, ich setze mich in einem Grand Theft Auto nicht vor den Fernseher.

  10.  
    Ivor Bigbotty
    27. Mai 2008 | 18:13
     

    Wer ein echter Geek sein will, der muss auch GTA-TV gucken =)

  11.  
    Actionman
    3. Juni 2008 | 14:24
     

    The Mens room :D

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