Ich bin so ein Idiot!
Ich hätte es ganz klar besser wissen müssen. Die Werte aus meiner alten Welt zählen hier doch nicht mehr. In dieser Schule, die von aussen so sicher und vertrauenserweckend wirkte, hausten bewaffnete Punks in Stachelrüstungen.
In dem verdammte Gebäude befand sich eine Horde Raider!
Glücklicherweise habe ich sofort beim Eintritt bemerkt, dass ich nicht alleine bin. Ich konnte Schritte in der Etage über mir hören. Meine Neugier (und vermutlich meine Habgier) war allerdings zu groß, um mich gleich wieder zu verdrücken. Also zog ich die Waffe und schlich, mich vorsichtig und möglichst geräuschlos von Schatten zu Schatten bewegend, tiefer in den Bau. Es handelte sich wirklich um eine alte Schule. Ich sah die Spinde der Schüler und lauter heruntergekommene Klassenzimmer voller Pulte, Bücher, Regale, Globen und Spielzeug. Die Farbe blätterte von der Wand und über allem lag eine Staubschicht, dick wie nach Jahrhunderten. Ich stand kurz ein einem dieser Klassenräume und versuchte mir, die Schüler vorzustellen…
Meine Tagträume wurden jäh von sich nähernden Schritten unterbrochen. Zwei Raider kamen aus dem Gebäudeinneren, passierten “mein” Klassenzimmer, blieben kurz darauf auf dem Flur stehen und trennten sich dann. Damit war mein Weg nach draussen abgeschnitten. Mir blieb nur die Wahl zwischen der Hoffnung, nicht in meinem Versteck entdeckt zu werden und der Schiesserei, die ich auf dem Weg nach draussen losbrechen müsste. Das Zimmer, in dem ich mich befand, war ein stinknormaler Klassenraum, der kleine Schrank viel zu winzig, um mich darin zu verstecken. Das machte mir die Entscheidung nicht leichter, aber meine Chancen waren vielleicht doch größer, wenn ich jetzt überraschend zuschlug.
Moment, habe ich da von “Chancen” geredet? Ob ich mir in dieser Situation wirklich Gedanken über Chancen und Warscheinlichkeiten gemacht habe? Eher nicht – muss das Adrenalin gewesen sein.
Ich lugte also durch die Türöffnung in den Flur und konnte nur eine Person sehen. Der andere war – dem Plätschergeräusch nach zu urteilen – auf der Toilette verschwunden. Der Raider im Flur hatte gerade seinen unförmigen Metallhelm abgenommen. Ich witterte meine Gelegenheit und ergriff sie. Ich feuerte zwei Schüsse in seine Richtung, der Körper sank tot zu Boden. Ich habe jetzt noch die Reste seines Kopfes vor Augen. Feuerwaffen hinterlassen ekelhafte Wunden. In diesem speziellen Moment war mir der Anblick egal – Adrenalin schmirgelt der Welt die Kanten und Splitter ab. Und hier draussen gilt frei nach dem ollen Darwin das Recht des Stärkeren. Die oder ich. Daran werde ich mich trotzdem noch gewöhnen müssen.
Der Typ auf der Toilette hatte sein Geschäft beendet, sah mich, stieß einen Schrei aus und griff nach seiner Waffe. Ich kann mir jetzt nicht mehr erklären, was genau passiert ist. Meine nächste Erinnerung ist die an seinen Körper, wie er auf dem Boden liegt und meine Hand, die ein neues Magazin in die Pistole schiebt. Natürlich war der Krach nicht unbemerkt geblieben und von oben her hörte ich Leute poltern und schreien. Trotzdem – Rationalität war in diesen Momenten nicht meine Stärke – nahm ich mir die Zeit, die Körper rasch und oberflächlich auf Nützliches zu durchsuchen. Deswegen befinden sich in meiner Tasche jetzt noch frische Magazine, eine Ersatzpistole und ein Schwung Verbandsmaterial. Das Zeug musste ich mir dann durch eine weitere Schiesserei mit dem dritten Raider erkaufen, trotzdem entkam ich unverletzt.
Ich habe mehr Glück als Verstand!
Jetzt sitze ich schon wieder hier draussen im Mondschein und notiere die Ereignisse in meinem Pip-Boy. Mir bleibt wohl nichts anderes übrig, als jetzt noch in Richtung meines eigentlichen Ziels aufzubrechen. Megaton. Dort hoffe ich, Informationen über meinen Vater oder sogar meinen Vater selbst zu finden. Da hinten steht ein Wegweiser. Ich werde jetzt aufbrechen.
Wenn ich nach oben schaue und so die unfruchtbare Einöde um mich herum aus den Augen verliere, sehe ich nur noch den Nachthimmel. Er ist wunderschön.
