Jetzt ist mir auch klar, woher Rivet City – die Nietenstadt – ihren Namen hat. Es handelt sich um ein uraltes Kriegsschiff, dessen von Rost überlagerte Hülle irgendwie den Atomschlag auf die Ostküste überstanden hat. Den geflügelten Apparaturen nach zu urteilen, die auf seinem Deck herumstehen und -liegen, war das gigantische Gefährt zu seinen aktiven Zeiten einer dieser Flugzeugträger. Heute liegt es angeschwemmt am Ufer des großen Flusses im Süden der Hauptstadt. Der Bug ist abgetrennt vom Hauptschiff und hat Schlagseite, aber der Rest sieht robust aus und erweckt den Anschein, als wäre es eine gute Idee, darin eine Stadt zu gründen. Es gibt vom Land aus nur einen Zugang über eine ausfahrbare Brücke, die Aussenhaut aus Schiffsstahl ist überrostet, aber durch geschickte Hände durchaus instand zu halten und man kann Angriffe aus jeder Himmelsrichtung frühzeitig erkennen. Rivet City ist eine Festung. Von aussen betrachtet macht es einen ebenso sicheren wie unheimlichen Eindruck.
Moira hatte mich beauftragt, die wahre Geschichte der Stadt in Erfahrung zu bringen. Während meiner Interviews mit der Bevölkerung stellte sich schnell heraus, dass jeder Einwohner seine eigene kleine Version der Ortsgeschichte zum Besten gab. Nebenbei wurde ich noch in ein politisches Ränkespiel um einen Typen namens Seagrave Holmes verwickelt, der sehr gerne einen Platz im Stadtrat eingenomen hätte. Naja, ich habe dann einen Beweis für dessen Verbindung zu Sklavenhändlern gefunden, diesen veröffentlicht und seine Karriere damit vorzeitig beendet. Was meine historischen Forschungen anging, war ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht besonders weit gekommen. Ich hatte kurz mit dem Gedanken gespielt, mich wieder auf den Weg zurück nach Megaton zu machen und Moira ein einfach irgendeine spannende Story aufzutischen. Andererseits entsprach das nicht meinem Ehrgeiz und so fand ich mich dann schließlich im abgetrennten Schiffsbug wieder, umgeben von Sprengfallen und Mirelurks, diesen wandelnden Riesenkrabben mit der ärgerlichen Ganzkörperpanzerung. Dort hielt sich Horace Pinkerton versteckt. Der Wissenschaftler wird im bewohnten Teil der schwimmenden Stadt für Tod gehalten und ist tatsächlich einer der Gründerväter von Rivet City. Er und seine wissenschaftlichen Kollegen sind in den Flugzeugträger gezogen, wegen seiner sehr offensichtlichen – siehe auch meine Einleitung – günstigen Verteidungseigenschaften. Nach und nach zogen die Händler, Ärzte und restlichen Einwohner nach, die heute die Gemeinschaft von Rivet City bilden.
Wie der Zufall es wollte, konnte ich mit meinem Besuch bei Dr. Pinkerton zwei Blähfliegen mit einer Klappe schlagen. Im Zuge meiner Recherche traf ich im Bauch des Schiffes auf Dr. Zimmer, der einen seiner Replikanten vermisste. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! Die Menschheit siecht in kleinen Gemeinschaften zurückgezogen ihrem Untergang entgegen und diese Leute produzieren künstliche Personen. Dieser spezielle Plastikmensch hatte obendrein auch noch so eine Art Funktionsstörung und konnte dadurch ein eigenes Bewusstsein erlangen. Meine heisse Spur in diesem Fall führte, wie erwähnt, ebenfalls zu Dr. Pinkerton. Es stellte sich heraus, dass jener den Replikanten sowohl einer Gesichtsoperation als auch einer Art Gehirnwäsche unterzogen hat. Erstere nimmt Fandungsplakaten den Nutzen, letzeres sorgte dafür, dass der entflohene Android sich nicht mehr für einen solchen künstlichen, sondern für einen vollwertigen Menschen hält. Es gibt sogar eine Organisation namens “The Railroad”, die diesen… Figuren hilft, unterzutauchen. Ich möchte nicht mal anfangen, darüber nachzudenken, dass da draussen im Ödland neben tollwütigen Hunden, Riesenskorpionen und schwer bewaffneten Supermutanten auch noch zweibeinige Maschinen herumlaufen, die sich für Menschen halten und sich womöglich noch Gefühle einbilden. Ich bin zwar Wissenschaftler – genauer gesagt, ein waffeschwingender Wissenschaftler – aber das geht zu weit. So kam es dann auch, dass ich den gesuchten Replikanten in Rivet Citys oberstem Sicherheitsmann Harkness fand.
Schon interessant, wie sich der eigene Blickwinkel plötzlich radikal ändert, wenn man nur um eine “kleine” Information schlauer wird. Für mich war Harkness jetzt nicht mehr der pragmatische, harte Sicherheitsoffizier als den ich ihn kennengelernt hatte. Durch meine Augen erkannte ich in ihm fortan nur eine technisch ausgeklügelte Täuschung aus Drähten und Siliziumchips, die in einem mir komplett unverständlichen Vorgang ihre eigene Programmierung soweit manipuliert hat, dass sie sich für “echt” gehalten hat. Ich bin der Sohn eines Arztes und halte den hippokratischen Eid für eine Richtlinie, die in gewissen Grenzen auch für mich gilt – aber ich wende sie zum Beispiel auch nicht für Supermutanten an. Und das sind zweifelsohne Lebewesen. Also gilt mein Mitleid ebenfalls nicht für Maschinen, sehen sie Menschen auch noch so ähnlich. Ich hab Harkness Identität also konsequenterweise an Dr. Zimmer verraten. Dieser ist dann sofort losgezogen und hat sein Eigentum durch Anwendung eines geheimen Codewortes, welches Harkness´ Verstand durch eine Art Reset wieder auf seine Defaultkonfiguration zurückgesetzt hat, wieder in Besitz genommen und anschliessend die Stadt verlassen. Ich habe diese Szene miterlebt und mir läuft es immer noch beim Gedanken daran kalt den Rücken herunter. Jetzt habe ich die Polizei von Rivet City zwar ihres Anführers und eines Ratsmitglieds entledigt, aber das wird wohl nicht zu größeren Problemen führen. Sein zweiter Mann – pardon, zweite Frau – Lana Danvers, wird die Positionen sicherlich kompetent übernehmen.
Desweiteren habe ich eine neue Bleibe für Bryan Wilks gefunden. Seine Cousine Vera Weatherly betreibt das örtliche Hotel und freut sich, ihm ein zu Hause bieten zu können. Rivet City ist der richtige Ort, der Junge kann ein bißchen Sicherheit und Ruhe gut brauchen. Ich werde ihn auf dem Rückweg nach Megaton in Greyditch besuchen und ihm die frohe Botschaft verkünden.
Meine Aufgaben in Rivet City sind damit vorerst erledigt.

Jaja Rivet City. Nicht nur eine Festung, sondern auch ein Labyrinth. Ich kann mich noch an meinen ersten Besuch erinnern. Aus lauter Verzweiflung bin ich dann irgendwann vom Flugdeck ins Wasser gesprungen.
Allgemein liegt mir eher die freiere Umgebung des Wastelands. Momentan schufte ich in den Minen, die früher mal Pittsburgh waren und habe schon ewig keinen richtigen Sonnenaufgang mehr gesehen.
The Pitt habe ich auch im Reiseprogramm
Hab mich erst gestern wieder in Rivet City verlaufen.