Fallout, ein Tagebuch – Teil 12

Sonntag 21 Juni 2009

Verdammt, ich habe soeben den letzten Tropfen Alkohol verbraucht. Die Wirkung meines letzten Drinks lässt nach, ich werde langsam wieder nüchtern. Trotzdem dreht sich alles und ich zittere. Auf dem Weg nach Arefu sitze ich auf dem Trockenen. Immerhin hocke ich nicht mehr mich selbst bemitleidend in meinem neuen Haus. Dieser Schock nach der Erkenntnis, dass mein Leben eine Lüge ist – ich habe ihn am selben Abend noch in Moriartys Bar betäubt. Und am darauffolgenden Abend. Und am Abend danach. Irgendwann wurde ich morgens wach und habe mir zum Frühstück eine Pulle reingezogen.

Warum?

Weil es funktioniert. Weil es dem Tag die Kanten abschleift. Darum. Weil ich nicht vor Verzweiflung brennend in meinem Haus auf und ab gehen wollte. Um dieses Gefühl eines sich verkrampfenden Magens in mir zu bekämpfen. Irgendwann, als ich das fünfhundertste Mal das gesamte Witzrepertoir meines Roboterbutlers Wadsworth angehört hatte, wusste ich, dass etwas geschehen muss. Ich konnte nicht bis ans Ende meiner Tage zwischen Vodkaflaschen in meinem Wohnzimmer versumpfen. Also beschloss ich, wieder auf Reisen zu gehen.

Um mich abzulenken. Mein Leben braucht schließlich einen Sinn. Mein Vater hat damit jedenfalls nichts mehr zu tun, damit habe ich vorerst abgeschlossen. Da kam mir Lucy West im Saloon gerade recht. Ich soll ihrer Familie in Arefu eine Nachricht überbringen und genau das tue ich jetzt. Nehme an, sie war der Meinung, dass ich bei einer Schnapskauftour zuviel in ihrem Schuppen gewesen bin und dass sie mir etwas Gutes damit tun wollte. Das Schlimme ist, dass sie vermutlich recht hat. Was sie nicht weiss ist, dass ich bereits die eine oder andere Flasche habe unentgeltlich mitgehen lassen. Nüchtern stand ich noch am Abgrund, ein paar Schlucke später bin ich schon einen Schritt weiter. Ich bin so jämmerlich.

Nein, das eigentlich Schlimme ist, dass mir der Sprit ausgegangen ist. Eigentlich hatte ich reichlich eingepackt, aber bei meinem etwas überhasteten Aufbruch aus dieser Siedlung namens Andale, im Süden der Hauptstadt, habe ich wohl einen Teil meines flüssigen Proviants verloren.

Andale, diese Vorhölle. Ich weiss gar nicht, wieso ich überhaupt dort gelandet bin. Es liegt genau nicht auf dem weg von Megaton nach Arefu, aber ich wollte nach der Zeit des Suffs erstmal nur meinem Füßen gehorchen und der Nase folgen. Und die hat mich nach Andale gebracht. Und so fast um meinen Verstand. Ich fand dort zwei Familien vor, die Smiths und die Wilsons. Zwei brave Mittelstandsfamilien in ihren Häusern in der atomar verwüsteten Vorstadt. Zwei Familien, die so taten, als wäre nichts geschehen, als ginge ihr amerikanischer Traum ewig weiter. Die Väter taten ihren Kindern gegenüber sogar so, als gingen sie morgens zur Arbeit. In einem Schuppen hinter dem Haus. Extrem merkwürdige, aber gastfreundliche Leute. Sie luden mich ein, über Nacht zu bleiben. Ich, durstig und verkatert, nahm das Angebot gerne an.

Nach Sonnenuntergang, als ich mir vor dem zu Bett gehen hinter dem Haus der Wilsons noch einen hinter die Binde giessen wollte, fiel mir das Licht auf, dass aus einem der Nachbargebäude schien. Dort traf ich auf einen alten Mann namens Harris, der mich ziemlich verstört und panisch zur Flucht bewegen wollte. Es gelang mir, den Opa zu beruhigen und ihm die wahre Geschichte hinter dieser Pseudo-Idylle zu entlocken. Linda Smith und Martha Wilson sind Schwestern. Bill und Jack – ihre Ehemänner – sind Brüder. Sohn und Tochter sind Cousins und sollen heiraten, wenn sie groß sind.

Aber das war noch nicht alles. Angespornt durch Harris` Aufruf zu Flucht habe ich mich mit einem Dietrich bewaffnet an das Schloss zum Arbeitsplatz der beiden Väter gemacht. Beim Anblick des Schuppeninneren musste ich mich übergeben. Andale ist eine Siedlung von Kannibalen. Diese Leute waren so gastfreundlich zu mir, weil sie mich als Hauptspeise und Fleischquelle eingeplant hatten. In der kleinen Hütte befanden sich mehrere Kühlschränke, gefüllt mit sauber zerlegten Menscheneinzelteilen. Kein Wunder, dass der alte Kauz mich von hier vertreiben wollte!

Ich hatte wohl zu laut in die Hütte gekotzt. Als ich wieder ins Freie trat, konfrontierten mich die Erwachsenen – und sie waren bewaffnet. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt längere Zeit nichts getrunken, mir war schlecht vor Angst, ich wollte nicht als Sonntagsbraten enden. Das folgende Gespräch bin ich nicht besonders diplomatisch angegangen. Es kam zur Schießerei. Die Smiths und Wilsons sind tot.

Den Kindern habe ich selbstverständlich nichts getan, während der Auseinandersetzung befanden sie sich auf ihren Zimmern und nun hat sich der alte Harris ihrer angenommen. Er sieht das wohl als so eine Art Wiedergutmachung all der Jahre des Kannibalismus an. Mir soll es recht sein. Mein Gewissen wird dadurch nicht beruhigt. Monster, Mutanten oder Kannibalen können mich nicht in die Flucht schlagen. Der Anblick kleiner Jungen, die ich eigenhändig zu Waisen gemacht habe, allerdings schon. Ich werde wohl für immer das Gesicht des jungen Wilson vor Augen haben.

Es macht mich fertig. Ich suche jetzt Abstand in Arefu. Einen Brief zu überbringen ist schließlich eine kleine, harmlose Aufgabe.


Gespeichert in: Vier Fäuste

1 Kommentar for 'Fallout, ein Tagebuch – Teil 12'

  1.  
    8. Juli 2009 | 20:41
     

    Wow, supercooles Tagebuch! Mehr bitte!
    Hab heute grad den Hauptquest durchgespielt und mich jetzt endlich getraut, dein Tagebuch zu lesen. Lustig zu lesen, wo man gleich und wo anders entschieden hat. Macht für mich das Spielerlebnis gleich nochmal intensiver.

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