Einen Brief zu überbringen ist ein Scheissjob. Seit meinem letzten Zusammentreffen mit Lucy West in Megaton, trage ich ihre zerknitterte Korrespondenz mit mir herum. Es war eine einfache Bitte ihrerseits: transportiere diese Nachricht zu meinen Verwandten nach Arefu. Nichts leichter als das?
Von wegen.
Arefu ist nichts als eine Sammlung von Blechhütten auf den staubigen Überresten einer Highway-Brücke. Gut, die Aussicht ist ganz nett und solange niemand die Brückenpfeiler hochjagt, ist diese Position vermutlich auch gut zu verteidigen, sollte man annehmen. Das sah wohl auch der alte Mann so, der mir einen äusserst freundlichen Willkommensgruß übermittelte: eine locker aus dem Handgelenk direkt zwischen meine müden Füße geschlenzte Granate. Entzückend. Mir gelang der Sprung in die rettende Deckung glücklicherweise recht reibungslos, aber mangels feinem Stöffchen konnte ich meine gereizten Nerven nicht wie sonst vorrübergehend mit einem tiefen Schluck aus der Pulle narkotisieren. Ein durchgeknallter Opa mit Explosivstoffen auf einer Brücke ist eigentlich nichts, was man ohne genügend Nerventonikum angehen sollte. Ich dachte, mir blieb keine Wahl und so lud ich meine 10mm-Pistole durch. Während der Schlitten mit einem vertrauten Geräusch zurückschnellte und auf dem Weg eine Patrone in die Kammer schob, hörte ich den Rentner rufen: es klang wie “Entschuldigung”. Der Spinner hätte mir fast die Beine weggesprengt und bat nun um Verzeihung. Ich sicherte die Waffe und rief ihm über meine bröckelnde Deckung hinweg ein höfliches “was soll der Mist?” entgegen. Stellte sich heraus, der Mann hört auf den Namen Evan King und seine lauschige kleine Rostsiedlung war ständig den Angriffen einer Art Gang namens “The Family” ausgesetzt. Kein Wunder, dass er beim Anblick martialisch aufgerüsteter Fremder auf die “erst schießen, vielleicht später fragen”-Taktik zurückriff. Evan meinte es also im Grunde nur gut. Und wie konnte ich ihm böse sein – jetzt, wo er mir auch noch einen Schluck aus seiner Flasche anbot? Anschließend bat er mich, bei den verbliebenen Einwohnern Arefus vorbeizusehen und Entwarnung zu geben. Mein “Angriff” war ja schließlich vorrüber. Knapp einem schrappnelgespickten Tod entkommen, wollte ich mal nicht so sein und machte mich daran, an Türen zu klopfen – und sah mich im letzten Haus prompt den Überbleibseln eines Gemetzels ausgesetzt. Ausgerechnet Lucys Eltern lagen ermordet in ihrer Hütte, Bisswunden an den Hälsen. Sofort berichtete ich dem selbsternannten Sheriff Evan vom Vorhandensein eines Tatorts. Im Gespräch mit ihm wurde deutlich: wir hatten es zwar mit dem toten West-Ehepaar zu tun – aber Ian, Lucys Bruder, war nicht unter den Toten. Dies konnte nur eines bedeuten: die “Family” hatte ihn entführt. Selbstredend, dass “Sheriff” King mich nun sozusagen zu seinem Deputy ernannte und mich mit der Suche nach dem Vermissten beauftragte. Gute Güte, ich wollte nur die Post vorbeibringen. Jetzt hatte ich also einen senilen Ortsvorsteher, zwei Leichen und einen Jungen in den Händen einer Rowdytruppe am Hals. Keine Ahnung, wie ich immer in solche Situationen komme. Ich könnte damit im Zirkus auftreten, wären Clowns und Elefanten nicht im atomaren Holocaust untergangen.
Evan jedenfalls hatte seinerseits ein bißchen Recherche betrieben und konnte mir ein paar Hinweise zum Unterschlupf dieser “Family” geben. Ich fand die Truppe schließlich versteckt tief in den alten Eisenbahntunneln der Gegend. Lustigerweise war die Begrüssung durch den Torwächter namens Robert nicht so mörderisch wie die Vorherige. Unsicher, wie ernst dieser Robert seinen Job nahm, zeigte ich ihm Lucy`s Brief und konnte ihn so überreden, mich in den Unterschlupf hinein zu lassen. Ziemlich freundliche Kindesentführer. An dieser Stelle kam mir zum ersten Mal in den Sinn, dass hier irgendetwas sehr anders war. Mit aufgestellten Nackenhaaren trat ich ein.
Im lauschigen Höhlenversteck der Family traf ich auf einen ganzen Haufen schräger Vögel. Ich wandere ja nun schon geraume Zeit durch das Ödland, aber diese Gruppe war von besonders bizarrer Natur. Schon wieder. Gerade erst war ich aus diesem Hort des Terrors namens Andale entkommen, wo zwei Familien ihr Überleben durch die Zubereitung ahnungsloser Reisender sicherten. Jetzt stand ich in einem alten Eisenbahntunnel, umgeben von fünf Vampiren und ihrem – zugegeben – charismatischen Anführer Vance. Ja, ich habe Vampire geschrieben. Die Family besteht aus, oder besser: hält sich für Vampire. Eine weitere Bande von Menschenfressern, dieses Mal mit speziellem Hang zur Theatralik. Na gut, keine Menschenfresser. Ihr spezieller Kodex verbietet ihnen, Fleisch zu verspeisen. Aber sie trinken das Blut und bei der Gewinnung dieses Saftes lassen sich Opfer nur schwerlich vermeiden. Ich habe bis heute nicht verstanden, wie die Jungs und Mädels auf diesen Trip gekommen sind. Aber mir war sehr schnell klar, dass diese Leute im Grunde harmlos sind. Da unten in den Tunneln habe ich eine Gruppe menschenscheuer Individuen gefunden, die am liebsten in Ruhe gelassen werden möchten. In einer Gruppe Gleichgesinnter ist einer ist für den anderen da, der Widerstand und die Ablehnung von Aussenseitern schweisst sie nur enger zusammen.
Zu dieser Theorie passt auch Ian`s Geschichte. Ich konnte mit dem Jungen sprechen und er gestand mir sofort, seine Eltern im Wahn eines unerträglichen Blutdurstes selbst getötet zu haben. Bei der Family suchte er Obdach und Gleichgesinnte. Wer könnte ihm das verübeln? Diese speziellen Ernährungsgewohnheiten sind vielleicht nichts für feine Tafeln. Vielleicht bin ich auch all dem Mord und Totschlag da draussen überdrüssig. Ausserdem verfolgen mich immer noch die Gesichter der beiden Kids aus Andale, die ich zu Waisen gemacht habe, als ich ihre Kannibalen-Eltern tötete. Dieses Mal wollte ich es nicht in Gewalt enden lassen. Also handelte ich eine Zusammenarbeit aus. Die Family wird Andale Schutz und Sicherheit bieten – im Gegenzug werden sie von dort mit Blutpaketen versorgt. Eine Win-Win-Situation. Die Einwohner Andales können des Nachts ruhiger schlafen und die Blutversorgung der Vampire ist sichergestellt, ohne dass dafür einem Menschen ein Haar gekrümmt werden muss. Zur Feier des Tages bekam ich von Evan King ein paar Pullen Schnaps spendiert. So haben alle was davon.
Entgegen aller Erwartungen hat mich diese furchtbare Landschaft im Laufe der Zeit klammheimlich zum Diplomaten gemacht. Zum Kotzen. Aber trotz meines neuentwickelten Pazifismus werde ich dem erstbesten Vampir, der sich an meinem Hals vergreifen will, die Rübe wegpusten. Soviel steht fest.
Vampire! Lächerlich…

Tja, ich brachte die Family komplett um, später bekam ich dann den Auftrag.
Wer soll sowas schon wissen!
Lucy wollte ich klar machen, dass es die Family nicht gibt.
Die war unbeindruckt, wollte ihre Family aber trotzdem sehen.
Es ließ sich dennoch ein Weg finden, wie sie ihre Family wieder treffen konnte.
Ohne Rückfahrschein.
Mikkai